24. November 2017

HERZEN FÜLLEN - GEDANKEN ZUR VORWEIHNACHTSZEIT

 
Kekse knuspern, Kerzen anzünden, Geschichten erzählen und ab und zu was werkeln. 
Mehr braucht kein Mensch.

Mein Herz ist Beschützer wunderschöner Erinnerungen. In gewissen Zeiten halte ich mich an diese, weil sie mir helfen, zu erspüren, was wirklich zählt. Gedanken an warme, stimmungsvolle Adventstage meiner Kindheit, zum Beispiel. Wie einfach es war, voller Glück und Aufregung zu sein, aufgehoben in einem Zauber, der damals aus wenig bestand und doch jede Zelle meines Ichs berührte.

Ich erinnere  mich, wie ich ganz früh an einem Weihnachtsmorgen neben dem Christbaum am grossen Fenster stand, in die Schneelandschaft blickte, und wie ich tief in meinem Innern fühlte, dass es wohl nichts Schöneres auf der Welt geben kann wie dieser Schnee, dieser geschmückte Baum und ich in dieser Stille.


Viele Jahre später wünsche ich mir diese Empfindungen immer wieder zurück. In einer Zeit, in der alles anders ist (mal abgesehen davon, dass hier seit Jahren kein Schnee mehr liegt an Weihnachten....), mein Herz jedoch immer noch meinen Puls bestimmt.

Seit Jahren nehme ich mir jeden November vor, noch langsamer zu werden,  noch viel weniger im Aussen, stattdessen mehr im Innern zu weilen.

Und trotz guter Vorbereitung und einer Alltagsgestaltung in SloMo meinerseits, ist es doch eine ganz schöne Herausforderung, den Rhythmus der Welt mit meinen Bedürfnissen zu verbinden und die Zeit meiner Kinder mit dem Notwendigen zu füllen, nämlich: gemeinsame Zeit, eine Stimmung des Wohlbefindens, der Wärme und sonst nichts.
Klingt einfach, aber eben.


Als Kindergärtnerin habe ich die Tage im Dezember ganz, ganz einfach gehalten, weil mir bewusst war, welchem Stress und Überfluss manche Kinder ausgesetzt waren. Schon der Gang in den Supermarkt, wo bereits ab September Tausende Schokokläuse stramm stehen, ist ja eigentlich eine Herausforderung, die man den Kindern gerne ersparen würde. Wenn ich also meine Vorbereitungen dann so vor mir liegen sah, kam schon dann und wann das Gefühl auf, dass doch alles sehr Minimalistisch daher kam. Doch spätestens am ersten Dezember, wenn die Kinder das erste "Türchen" ihrer Adventskalender geöffnet hatten, Pferdehaargummi, Feuerwehrpflaster, das Schokoherz und das Bild mit der brennenden Kerze bestaunt hatten und sich schon auf die Geschenke vom nächsten Tag freuten, wusste ich: "Meine Planung ist genau richtig."

Und ich wusste es allerspätestens am 7. Dezember, wenn der Kindergarten-Samichlaus (Nikolaus aus der Schweiz) mit seinen Geschichten aus dem Wald wieder gemütlich in sein Häuschen zurückgekehrt war (der Glückspilz!!!) und die Kinder in einem Eldorado aus Erdnüssen, Schokolade, Lebkuchen und kleinen Spielzeugen versanken, weil...

- auch der Nikolaus zu Hause die DVD von Rudolf das Rentier gebracht hatte...
- Oma einen Nikolausgruss per Post schickte...
- die Nachbarin von oben ein paar Leckereien, ein Bilderbuch und eine CD mit leider total prekär arrangierten Weihnachtsliedern im Namen von Nikolo an die Türklinke hängte...
- die Nachbarin von unten ein synthetisches Plüschrentier vorbeibrachte...

Allerallerspätestens ab dann war sichtbar, in was für einen Irrsinn manche Kinder katapultiert werden. 

Natürlich ging es weiter mit Basarbesuchen am Wochenende, Adventskaffee-Einladungen hier, vorweihnachtliches Kekse backen mit Kindern dort, gemeinsames Singen für die Weihnachtsstimmung in der Nachbarschaft, Besuch des Weihnachtspuppentheaters in der Stadt. Alles gut gemeint. Alles stimmungsvoll inszeniert. Alles untermalt mit Musik. Und Duft. Und Licht. Und Glitzer.

Ein Kind ist immer ein Kind. Mit allen Sinnen aufnehmend, Eindrücke sammelnd, Stimmungen empfindend, voller Neugierde. Alle Fühler sind ausgestreckt, bereit Neues zu erfahren. Das ist wunderschön und soll bitte unbedingt genährt werden. Aber man darf nicht vergessen, dass alles sinnlich Erfahrene Zeit und Ruhe braucht, um sich zu setzen, um geordnet und verarbeitet zu werden um dann internalisiert werden zu können. 
Sinnesüberforderung, diese aufgedrückte "Weihnachtsstimmung", die doch so weit entfernt von der Stimmung ist, mit der ein kindliches Gemüt umgeben werden sollte, nährt jedoch die Seele niemals. Und auch nicht der Überfluss und die Masslosigkeit, die eine grosse Leere inmitten dieser Fülle hinterlässt.

Es ist eine grosse Aufgabe und braucht ein bisschen Mut, finde ich, das Draußen manchmal einfach draussen zu lassen und sein eigenes Ding zu machen. 

Liebevoll einen Schutzraum für die Familie zu gestalten, im Wissen, dass es lebensnotwendig ist, zur Ruhe kommen zu dürfen, weil es nur mit Musse möglich ist, hin zu spüren, zu fühlen, zu schauen, zu staunen, auszuprobieren, einfach nichts zu tun. Die Seele in Friede und Beschaulichkeit nähren. Vögel füttern, kuscheln, in den Wald gehen, singen, heimlich Keksteig naschen, einander Geschichten erzählen, zusammen sein, malen und werkeln, lümmeln und spielen. Zurück zu dem, was wirklich zählt. Zurück gehen von der leeren Fülle zu gefüllten Herzen.


Manchmal, wenn es mir schwer fällt, hilft es, mich zurück zu spüren, an früher. Zurück an den Weihnachtsmorgen, neben dem Christbaum am grossen Fenster. Wie ich in die Schneelandschaft blicke. Der Schnee, die geschmückte Tanne und ich in dieser Stille und dem grossen Glück.

Eine friedvolle, lebendige, glückliche und innige Adventszeit, euch allen.
Alles Liebe, Sandra

Kommentare

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Die meisten Kinder sind einem solchen Wahnsinn ausgesetzt und tun mir nur leid, Eltern inclusive. Aber den meisten fällt es so schwer auf etwas zu verzichten, sie hetzen von einem Termin zum anderen und sind trotzdem nur unzufrieden. Wir schaffen es Gott sei Dank uns zurück zu nehmen und Zeit miteinander zu geniessen. Zum Einkaufen gehe ich fast immer alleine in dieser Zeit, damit sind die Kleinen ja total überfordert.
    Besinnliche Tage miteinander wünscht Steph

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    1. Liebe Steph, ich danke dir für deine Nachricht. Ja, verzichten ist manchmal ganz schön schwierig. Vor allem, weil man ja auch niemanden enttäuschen will, indem man eine Einladung ausschlägt oder bei irgendwas nicht mitmacht. Ich freue mich sehr für dich und deine Familie, dass euch das gelingt und ihr euch Zeit nehmt füreinander.
      Von Herzen wünsche ich dir und deinen Liebsten eine stimmungsvolle, friedliche Adventszeit mit leuchtenden Kinderaugen und gefüllten Herzen.
      Alles Liebe, Sandra

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  2. Liebe Sandra,
    welch' wahre Worte. Ja,so sollte es für die Kinder sein dürfen. Doch ihr Alltag sieht leider ganz anders aus
    In meiner Arbeit in der Kita nehme ich einen deutlichen Wandel in den Familien wahr
    Klar,gibt man Denkanstöße und gestaltet die Tage mit den Kindern oftmals Gegenpol. Der Spruch:Euer Alltag ist meine Kindheit zeigt dies anschaulich.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden,
    Lydia

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