6. Oktober 2017

DAS VERPLANTE KIND

       
"Und wir spielten und spielten und spielten, so daß es das reine Wunder ist, daß wir uns nicht totgespielt haben." 
Aus: "Das entschwundene Land" von Astrid Lingdren

Ich habe in Berlin für ein paar Monate als Yogalehrerin in einer Privatschule Kinderyoga unterrichtet. In einer Randstunde. Und ein bisschen war es für mich, als wäre ich eine sinnvolle Übergangslösung in Leggings. 
In der ersten Stunde kam ein Junge zu mir und meinte: "Ich wollte ja zum Fussball und nicht zum Yoga, aber meine Mutter bestand darauf, denn ich kann mich so schlecht konzentrieren." Ja dann, namaste. Ein anderer Junge kam im weissen Judodress... Scheisse! Yoga und Judo verwechselt! Tja, aber wenn du schon mal da bist: komm rein. Ein Mädchen kam und sagte, dass sie Yoga machen wolle, weil sie so schlecht abschalten könne. Schon das Wort "abschalten" aus dem Mund eines Kindes... Die Mädchen kamen gleich im Ballettkleidchen, denn nach der Yogastunde war noch eine Ballettsession und die Musicalprobe. Und wenn ich mir die Kinder so anschaute, wie sie vom Schachunterricht in die Violinenstunde und von der Physik-Experimentierwerkstatt zur English-Lecture hetzten, dachte ich:


Raus mit euch! An die frische Luft! Auf die Bäume! In die Pfützen! 

Aber gut, wir haben dann geyogt und zum Glück viel gelacht. Aber jedes Mal hat mich die Stunde ein bisschen nachdenklich gestimmt.

Warum verplanen Eltern ihre Kinder? Versteht mich nicht falsch, es ist voll in Ordnung, wenn Kinder im Fussballverein sind oder bei den Pfadfindern mitmachen. Aber falls ihr denkt, dass ihr eurem Kind jeden Nachmittag ein anderes Programm bieten müsst, damit euer Liebstes zu einem gesunden, zufriedenen, intelligenten und erfolgreichen Menschen heranwächst, kann ich euch beruhigen: Nein, kein Kind braucht das. Die Kindheit soll kein Trainingslager sein. 
Eltern wollen das Beste für das Kind. Weil sie nichts verpassen wollen. Das Angebot ist gross, und man will dem Kind ja schliesslich etwas bieten. Denn was, um Himmels willen, wenn man das Talent des Kindes zu spät entdeckt oder nicht adäquat fördert? Stellt euch vor, man verpasst den Schritt zum Mozart, nur weil man rumgedüdelt hat. Blöd, wäre das. Also, schnell ins Auto und los gehts mit dem Herumchauffieren der Kinder. Nachmittag für Nachmittag.
Und schliesslich das Killer-Argument: das Kind will das ja alles selber. Es will Reiten und Klavier spielen und es will in die Theaterwerkstatt, es will tanzen und an die Kinderuni.

Und weil Kunst ja auch sowas tolles ist, besucht man noch das Malatelier, wo das Kind verarbeitet, was es nicht zu verarbeiten hätte, würde man es einfach in Ruhe lassen.

"Mein Kind will das aber alles." Ja und sie wollen auch viel Süsses essen, vor der Glotze sitzen, lange aufbleiben, Chips à discrétion knabbern und jeden Tag Geschenke bekommen und natürlich am liebsten an ihrem EIGENEN Tablet rummachen. Von Herzen gerne würden sie das wollen. Aber da sind wir Eltern uns unserer Verantwortung ganz bewusst und sagen: Nein, mein Schatz. Ich glaube dir, dass du dir das alles ganz traumhaft vorstellst. Aber das tut dir nicht gut.

Kinder möchten vieles ausprobieren und haben zu so vielem Lust - und das ist grossartig. Bitte unterstützt diese Lust und Freude und gebt ihnen die Möglichkeiten, dass sie diese Energien umsetzen können; in Freiheit. Geht raus mit den Kindern, schafft Platz und eine Umgebung, die es erlaubt, dass Kinder selbständig spielen können. Kleine Finger können voller Begeisterung auf der Trommel oder dem Topfboden die Tiere Afrikas trommeln oder die Gitarrensaiten zum klingen bringen, ohne dass sie vom allerbesten Musiklehrer der Stadt gefördert werden. Ganz einfach, nur so für sich. Und ja, die Kinder sollen unbedingt tanzen. Im Wohnzimmer oder in der Küche, zu Musik aus der ganzen Welt oder zu selbstgesungenen Liedern. Wild und ausgelassen, zusammen mit euch, im Kreis mit anderen und ruhig auch mal im Tutu das Padödö vom Schwanensö. Das ist so schön und so lustig, so frei und so simpel. Lasst die Kinder Fussball-WM spielen, mit den anderen aus der Strasse, vor dem Haus oder im Garten. Lasst die Kinder Yoga machen und auf der Matte ihre eigenen Asanas und Kunststücke erfinden. Aber lasst sie all das selber tun und selber gestalten. Ohne jemanden im Rücken zu haben, der sagt, wie es gehen würde, aussehen müsste oder eigentlich richtig wäre.

Die Freizeitgestaltung der Kinder ist wichtig und sehr einfach. Wenn die Kinder noch klein sind, dann gestaltet man die Freizeit so, dass die Zeit eben frei ist. 

In meinen Kindergartengruppen gab es Kinder, die so "früh-verfördert" waren, dass sie nichts mehr zu tun wussten, wenn ihnen niemand Aufgaben erteilte oder sie, wie im Kinderklub, bespielte. Sie hatten keine Zeit zum Spielen, weil ihre Freizeit für Effektivität genutzt wurde. Sie lernten Englisch und E-Gitarre und spielten Golf, aber leider standen sie dann ganz verloren da, wie in einem Vakuum, währenddem sich andere Kindergartenkinder sofort auskannten und freudig ins Tun kamen.
Die einzigste Aufgabe, die ein Kind hat, ist: Spielen und die Welt im Tun und Erleben zu erkunden und zu begreifen. Nicht am Tablet, nein, im Leben! Das freie Spiel ist Seelennahrung und genau so wichtig für die Entwicklung im Leben eines jungen Menschen wie bedingungslose Liebe, Wärme, gesundes Essen oder genügend Schlaf. Im freien Spiel verarbeiten die Kinder Erlebtes, und ihre Phantasie bekommt nirgendwo so grosse Flügel, wie wenn das Kind spielt, denn nur da ist der Ort, an dem alles möglich ist. 

Im Spiel lernen die Kinder alles, was sie fürs Leben brauchen, es bietet eine Vielfalt an lustvollen Sinnes-, Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten. Dabei spielt es keine Rolle, ob alleine gespielt wird oder mit anderen Kindern, im Wald oder im Park, ob in der Küche oder im Kinderzimmer, denn spielen kann man (beinahe) überall. Auch mit fast nichts.

Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.
Maria Montessori

Vertraut euren Kindern und euch. Habt den Mut, Platz zu schaffen für die Bedürfnisse der Kinder und dann einfach nichts zu arrangieren und stattdessen das Kind seinem natürlichen Spiel und Rhythmus zu überlassen. Wenn das Kind sich nicht gewohnt ist, frei zu Spielen, braucht es vielleicht etwas Zeit, ins Spiel zu kommen. Aber dann werdet ihr staunen, mit wieviel innerer Zufriedenheit und Lebendigkeit euer Kind auftauchen wird. 

Auch die notwendige Langeweile und die Zeit im Lümmelmodus, in dem die genialsten Einfälle für zukünftige Vorhaben wachsen können, darf den Kindern zugemutet werden. Langeweile ist ein Geschenk und eine Brutstätte für Ideen.

Könnt ihr euch erinnern, wie ihr gespielt habt? Euer Lieblingsspiel? Mit den Spielzeugautos stundenlang auf den Mustern des Teppichs herumchauffiert, perfekt eingeparkt und Autorennen gefahren? Euren Puppen liebevoll Brei aus geklauten Rosenblättern aus dem Garten gefüttert? Auf dem Fahrrad eure Runden gedreht und euch vorgestellt, das Rad wäre das Pferd (meins hiess übrigens Silberpfeil) und ihr würdet über die Prärie reiten? Erinnert ihr euch an eure Verstecke und die vielen Geheimnisse mit der liebsten Freundin oder dem liebsten Freund? Wie ihr auf die Bäume geklettert und durch Bäche gewatet seid, immer bereit, neue Abenteuer zu erleben und nie zu müde, was Spannendes auszuhecken? Und weit und breit kein Erwachsener. Ja, ist lange her. Aber wenn wir unsere Kinder beim Spielen betrachten, dann ist es so, als wäre all das eben erst gestern gewesen. Und, hey, das war doch das beste Leben überhaupt!

Ich wünsch euch und euren Kindern alles Liebe und innige Momente. Sandra





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Maira Gall