8. September 2017

LOSLASSEN UND VERBUNDEN BLEIBEN

 
Viele Jahre hing eine Postkarte mit folgendem Spruch am Kühlschrank in unserer Kindergartenküche:

ACHTUNG, ELTERN HAFTEN AN IHREN KINDERN.


"Jaaahahahaha, der ist gut", fand ich. Und, zugegeben, ich musste manchmal auch ein bisschen darüber lachen, wenn die Mamas sich nicht verabschieden konnten von ihren Sprösslingen und scheinbar endlos lange an den Fensterscheiben klebten, theatralisch winkend, Luftküsse schickend, und tränenüberströmt, währenddem ihre Kinder bereits fröhlich spielten. Damals hatte ich selber noch keine Kinder, und hätte mir jemand gesagt, dass ich irgendwann zu den Klammeraffen gehören würde, ich hätte es nicht geglaubt. Aber: Ja.


Loslassen ist so schnell und einfach gesagt, und es klingt leicht und reif. Leichter als festhalten. Voller Vertrauen gehen lassen hört sich mutig und viel schöner an, als schüchtern an Altem zu haften. In meinem Kopf klingt das sinnvoll und klar und ich nicke, denn ich verstehe und ich wäre gerne mutig und reif. Aber mein Herz spricht eben manchmal eine andere Sprache als mein Kopf, und deshalb tut es sich ab und an ein bisschen schwer.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich gehöre eher nicht zu den qualifizierten Loslasstypen.
Im Leben, und im Leben mit Kindern ganz besonders, trifft man aber immer wieder auf Situationen, in denen "Loslassen" gefragt ist. So momentan auch bei uns:


Seit Montag ist mein Kind ein Schulkind. Eben noch war er mein Baby, so klein und allerliebst, ganz nah bei mir. Du und ich und ich und du und irgendwo da draussen die Welt. Unser Leben bis dahin war immer wieder voller Veränderung, voller kleiner Abschiede. Die ersten Stunden in der Kita ohne Mama, der Beginn im Kindergarten. All die Schritte sind wir behutsam zusammen gegangen. Die Schritte waren voller Freude, manche aber haben auch ein bisschen weh getan. So ist auch dieser Schritt, vom Kindergarten- zum Schulkind ein grosser Schritt, der mein Herz mit Freude erfüllt und gleichzeitig schwer werden lässt. Dass der Bueb mit 6 in die Schule kommt wusste ich schon vor sechs Jahren. Aber irgendwie gingen unsere sechs Jahre ganz plötzlich so schnell vorbei, und auf einmal stand der erste Schultag vor der Türe. 


Und so ging am Montagmorgen mein Baby mit seinem Ranzen auf dem Rücken und der Schultüte in den Armen los. Mit grossen Schritten, glücklich, stolz und neugierig, auf in ein neues Leben. In das Leben eines Schülers. Und ich hinterher, meinen Schuljungen an die Hand nehmend, denn irgendwie brauchte ich ganz dringend jemand, der mir meine Hand hält... Ich freue mich mit ihm über sein Glück, über diesen gelungenen, herzlichen Schulanfang, das Vertrauen ins Leben. Ich mute ihm zu, dass er es gut macht und freue mich über diese Lebendigkeit, das Leuchten in seinen Augen, wenn er ins Schulzimmer schlüpft, voller freudiger Erwartung. Was wünscht man sich mehr als ein Kind, dass so ins Leben rausgeht? Was kann Schöneres passieren, als ein neuer Lebensabschnitt, der so beginnt?

Es ist doch alles gut. 


Und doch meldet sich immer mal wieder das Gewissen: "Mache ich es richtig?" Und auch immer wieder Tränen. Tränen des Glückes und der Liebe, aber auch Tränen der Melancholie, meiner Mamamelancholie.


Ich werde wohl einiges zu tun haben, in den nächsten Tagen und mir Zeit einräumen, um mich mit den Veränderungen und Neuanfängen vertraut zu machen. Der Herbstwind bringt einen neuen Rhythmus mit frischen Impulsen, die in Ruhe wachsen wollen.

Du und ich und ich und du und da draussen die Welt.



Oje, schon wieder: Mama unter Wasser.
Alles wird gut. Habts fein.

P.S.: Seit Dienstag ist unsere Kleine ein Kindergartenkind. Und wenn sie nach der Verabschiedung noch aus dem Fenster schaut, winke ich ihr schweren Herzens zu, schicke ihr Luftküsse und Herzen... aber weinen tu ich erst, wenn ich hinter der Hausecke bin und mein Kind schon längst mit den anderen spielt und lustig ist. 

Kommentare

  1. Eltern haften an ihren Kindern, lebenslang... ehrlich gesagt, war mir das nicht klar, als ich mich für ein Kind entschied. Ich war doch viel abgeklärter, weniger ängstlich, weniger konventionell als meine Mutter. Und dann? Du beschreibst es. Und noch kurz vor ihrem Tod vor einem Jahr hat meine Mutter noch immer sich um ihre Kinder gesorgt, nachgehakt, gefragt... und wie es aussieht, wird es bei mir auch so sein.
    Übermorgen begleite ich mein 6. Enkelkind zur Einschulung. Bin gespannt, welche Gefühle da auf mich zukommen ( ist mein Herzblatt ).
    Alles Liebe!
    Astrid

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  2. Guten Abend liebe Astrid. Das ist so wunderschön, diese Verbundenheit, die sich über die Generationen weiterzieht. Es ist, als wäre sie in den Zellen drinnen. Ich wünsche deiner Enkelin von Herzen einen gelungenen, fröhlichen und spannenden Start und hoffe, dass die Einschulung auch für dich ein wunderschönes Erlebnis war. Sei ganz lieb gegrüsst. Sandra

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Maira Gall